Aus der kleinen Dorfschule zur modernen Grundschule
Wolfgang Snoek beschreibt den Schüleralltag in der Nachkriegszeit:
,,Ich ging meine ersten vier Schuljahre von 1948 bis 1952 auf die Schule in Wechloy.
Mein Schulweg ging vom Heynesweg aus zum Drögen-Hasen-Weg, vorbei am Luftschutzbunker,
der seit dem Kriege noch da stand an der Ecke, wo ein Gangweg zum ,,Parteiheim" vom Drögen-Hasen-Weg
abging.
Gleich danach wohnte anfangs noch mein Spielkamerad Gerd Bohlken, der dann aber wenig später umzog
mit seinen Eltern in einen Bauernhof am Küpkersweg, nicht weit entfernt von der Schule Wechloy.
Wir gingen den Drögen-Hasen-Weg entlang, schon damals mit großen Eichenbäumen auf beiden Seiten,
unter denen man Maikäfer finden konnte im Frühling und in Streichholzschachteln mitgenommen hat, um sie in der
Schule zu zeigen und zu tauschen. Besonders begehrt waren ,,Müller-Maikäfer", die aussahen wie mit weißem Mehl bestreut.
Wenn ein oder zwei dieser unglücklichen Käfer gefangen waren, ging es weiter vorbei an Dohrmanns Bauernhof,
da wo der Hartensche Damm auf den Drögen-Hasen-Weg trifft. Hier traf man auf die Schüler, die im Quellenweg oder
am Hartenschen Damm wohnten und zusammen ging es durch den ,,Damm" - ein Abkürzungsweg, nicht befahrbar für
Autos, der führte zum Küpkersweg und war zu beiden Seiten mit dichtem Gebüsch bestanden. Besonders an der Seite,
wo ein Graben die Grenze zu ,,Tante Maries" Bauernhof markierte, standen große Haselnussbüsche, unter denen wir im
Herbst immer nach heruntergefallenen Nüssen suchten, bevor es weiterging. Und dann auf dem Küpkersweg entlang
zum Eisenbahnübergang am Sandersbusch. Hier wohnte Eisenbahnwärter Sanders mit Familie und sorgte dafür, dass
die Schranken rechtzeitig runterkamen, wenn sich ein Zug näherte. Der Sandersbusch war ein kleines Wäldchen, damals
noch mit großen Kiefernbäumen, die natürlich jetzt schon lange gefällt sind. Und dann waren es nur noch
wenige hundert Meter entlang dem Küpkersweg bis zur Schule Wechloy.
In dem einen Schulraum wurden die Schüler der 1. bis 4. Klasse unterrichtet, in dem anderen die Schüler der 5. bis 8. Klasse.
In beiden Klassenräumen standen außer den typischen Schülerpulten und der Wandtafel auch ein großer weißer Kachelofen,
der in der kalten Jahreszeit mit Torf beheizt wurde. Den Torf zum Heizen mussten die Eltern der Schüler selber stechen im Moor,
zum Trocknen auslegen und dann später schichten, lagern und zur Schule schaffen. Wer und wie das organisiert wurde, daran
entsinne ich mich heute nicht mehr, aber ich sehe noch heute vor mir, wie die ältesten Schüler den Torf in einen Weidenkorb
packten und dann mittels eines Flaschenzugs hochzogen zum Dachboden im ersten Stock, dort nahmen andere Schüler den
Torf entgegen und stapelten ihn dort.
Es waren auch zwei Wohnungen im ersten Stock, in denen die Lehrer wohnten.
Das war in meiner Schulzeit Lehrer Jan Lange, damals wahrscheinlich zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt und Witwer,
seine Kinder waren schon erwachsen. Durch eine Glatze hatte er einen kahlen Kopf und wurde deshalb von älteren Schülern
unter der Hand ,,Jan Mond" genannt. Er hatte im ersten Weltkrieg eine Schussverletzung erlitten, die zu einem steifen Knie
geführt hatte. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob es das linke oder rechte Knie war, das er deshalb nicht mehr beugen konnte.
Aber trotz der Gehbehinderung, die dadurch entstanden war, konnte er mit einem Spezialfahrrad fahren, das auf der
betroffenen Seite ein eigens angepasstes Pedal hatte, aber auf der anderen Seite ein gewöhnliches Pedal. Er musste also sein
Fahrrad mit dem gesunden Bein in Fahrt bringen und halten, während das abgesteifte wenig zur Fahrt beitragen konnte.
Dadurch entstand ein bestimmtes Bewegungsmuster und wir konnten schon von weitem erkennen, wenn er uns auf dem Fahrrad
entgegen kam.
In der anderen Lehrerwohnung war der beträchtlich jüngere Lehrer Johannsen untergebracht, mit seiner Frau und zwei
Kindern. Diese beiden Lehrer teilten sich den Unterricht für alle acht Klassenstufen in den zwei Klassenräumen.
Der Schulhof war abgegrenzt von einem Gebüsch auf der Seite zur Ammerländer Heerstraße hin, während auf der Seite zum
Feuerlöschteich hin die Toiletten waren, damals noch Sogenannte ,,Plumpsklos". Auf der dritten Seite war der Schulhof abgegrenzt
von zwei Lehrergärten, wo besonders Lehrer Lange seinen Teil eifrig betrieb und auch noch einige Bienenvölker untergebracht
hatte. Er war auch als Imker tätig. In dem Gebüsch zur Ammerländer Heerstraße hin saßen wir in den Pausen und spielten
,,Poker", unsere Spielkarten waren die ausgeschnittenen Vor- und Rückseiten von Zigarettenschachteln.
Zu dieser Zeit wuchsen mehrere meiner Mitschüler ohne Vater auf, weil der im Kriege gefallen war. Und ungefähr ein Drittel
aller Schüler waren Heimatvertriebene, von uns anderen oft nur ,,Flüchtlinge" genannt. Eine Zeit lang bekamen die
Flüchtlingskinder in der ,,Großen Pause" eine Gratis-Schulmahlzeit ausgeteilt, die von der CARE-Organisation in den USA
beschafft wurde. Während diese CARE-Mahlzeit im Klassenraum ausgeteilt wurde, mussten wir anderen, die nicht berechtigt
waren, auf den Schulhof raus und spielen.
Und wenn dann der Schulunterricht vorbei war, ging es denselben Weg wieder zurück, nur jetzt in umgekehrter Reihenfolge.
Ab und zu jedoch wagten wir uns nicht zurück durch den ,,Damm". Und zwar wenn ein Mitschüler verkündete, er habe dort
auf dem Hinweg einen verdächtigen Mann beobachtet. Dann gingen wir lieber mit den anderen zusammen auf dem Küpkersweg
bis zum Drögen-Hasen-Weg, vorbei an Schröders Bauernhof, bis zu Westerholts Bauernhof auf der rechten Seite und
,,Tante Maries" Bauernhof auf der linken Seite.
Nach vier Jahren auf der Volksschule Wechloy wechselte ich über auf die Hindenburgschule (heute Herbartgymnasium) in der
Herbartstraße. Das bedeutete vier Kilometer Schulweg mit dem Fahrrad und ich verlor dadurch den Kontakt mit der
Schule Wechloy und meinen Mitschülern dort. Aber ein paar Jahre später traf ich den pensionierten Lehrer Lange wieder.
Er hatte sich da wieder verheiratet, und zwar mit Tante Marie bzw. Mariechen und die beiden hatten auch eine kleine
Tochter bekommen. Jan Lange war ja selber ein eifriger Imker und wollte nun neue Imker ausbilden, damit die Zunft nicht
aussterbe. Ich meldete mich an und nach bestandenem Kurs habe ich meinen allerersten - und besten - Bienenstock von
ihm geschenkt bekommen. Aber Imker bin ich dennoch nicht geworden."
Obwohl im Oktober 1946 die körperliche Züchtigung wie Schläge an den Kopf, Kneifen, Ziehen an den Ohren oder Haaren
offiziell missbilligt wurde, ist der Rohrstock Jahre später noch im Einsatz, wie Ursel Langmack, geb.
Heepen, bezeugt:
,,Ich [... ] bin im Frühjahr l954 eingeschult worden.
Ich bin Linkshänder.
Unsere damalige Lehrerin, Fräulein Mönnich, bat mich nach dem Unterricht zu sich.
Ich bekam mit einem Rohrstock Schläge in die linke Hand. Meine Hand wurde sehr dick.
Ab sofort musste ich mit der rechten Hand, sie nannte sie ,,die liebe Hand", schreiben.
Ich bin Linkshänder geblieben, schreibe aber mit der ,,lieben Hand".
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